LM-1945

Niederselters

Katholische Pfarrchronik

 Niederselters, Katholische Pfarrchronik, Bd. 1, S. 445 ff

 

Sonntag, 18. März 1945

Am Sonntag, 18. März, hielten mittags 2 Truppentransporte in unserem Bahnhof, als 8 feindliche Tiefflieger den Bahnhof angriffen. Es fielen 7 Bomben - Gott sei Dank nicht aufs Dorf - und die Flieger schossen mit ihren Bordwaffen über uns auf die Bahnanlage. Alle Bewohner waren in den Kellern. Außer einigen zertrümmerten Fenstern wurde im Dorf kein Schaden angerichtet. Aber ein Soldat, ... aus Konstanz, mußte dabei sein Leben lassen .... Tags darauf haben wir ihn im beisein seiner Kameraden und unserer Leute aus der Gemeinde auf unserem Friedhof beerdigt.


Montag, 26. März 1945

Die letzten Deutschen Soldaten verließen unser Dorf am Montag, dem 26. März, als es hieß Limburg sei bereits von den Amerikanern besetzt. Noch strömten einzelne Flüchtlingsgruppen durch's Dort die vom Westen nach Osten zogen auf der Hessenstraße. Doch ohne daß wir etwas davon merkten, hatten sich rings auf den Höhen und in den Wäldern einzelne Posten von SS -Truppen festgesetzt und den Dienstag merkten wir, daß diese Widerstand leisteten. An der Autobahn dagegen starkes Schießen mit Panzerfaust und. Maschinengewehren. Von Dienstag Mittag an hörten wir amerik. Panzer auf der Autobahn nach Ffm. zu rollen. In der Nacht war es einigermaßen ruhig. Aber schon um 4 Uhr am Mittwoch begann das Schießen und das Rollen der Panzer von Neuem. Zum Glück saßen keine Schützen im Dort sondern immer noch an der Autobahn, im Niederwald u. im Winterholz. Deutsche Geschütze standen bei Eisenbach u. schossen über unser Dorf weg nach der Autobahn.

 

Mittwoch, 28. März 1945

Am Mittwoch Nachmittag wurde Oberbrechen besetzt, und wir wünschten, daß es bei uns auch schon geschehen wäre.

 

Gründonnerstag, 29. März 1945

Der Gründonnerstag, 29. März, brachte für uns die Entscheidung. Wieder setzte um 4 Uhr Artiellerieschießen ein. Sofort war das Dorf in Bewegung, alles flüchtete in die Keller, viele hatten die ganze Nacht im Keller zugebracht. Es dauerte aber nicht sehr lange, und wir hielten um ½ 7 unseren Gottesdienst ziemlich ungestört. Um 8 Uhr ging es wieder los auf beiden Höhen neben dem Dorf, Gewehrschießen, Maschinengewehre, Panzerfaust. Um 9 Uhr kamen die ersten amerikanischen Panzer langsam von der Autobahn den Daubornerweg herunter in unser Dorf. Sofort wurde an allen Häusern eine weiße Fahne aufgesteckt. Als die ersten mitten im Dorf waren, schossen die deutschen Geschütze von Eisenbach her in unser Dorf hinein, und nun begannen die amer. Panzer das Feuer zu erwidern. Doch schossen diese nur von außerhalb des Dorfes am Daubornerweg und an der Limburger Straße. Ungefähr 10 Deutsche Granaten, zum Glück kleineren Kalibers, gingen ins Dorf. Eine explodierte auf dem Platz vor der alten Schule, wo gerade eine Gruppe von Menschen stand. 2 Jünglinge waren sofort tot, 4 andere Personen schwer verletzt, von denen einer abends starb. Von Mittag ab war die stärkste Abwehr im Winterholz. Von dort wurde auf die Panzer geschossen, die am Daubornerweg standen. Von beiden Seiten wurde das Dorf doch möglichst geschont. / Am schlimmsten war das Feuer Nachm. von 5 Uhr ab, als einige amer. Panzer übers Feld gegen das Winterholz vorrückten u. auch eine Infanteriekolonne von der Autobahn her anstürmte und ein rasendes Maschinenpanzerfeuer eröffnete. Gegen Abend ergab sich die nur kleine Deutsche Gruppe im Winterholz, 6 Mann wurden gefangen, die anderen waren tot oder geflohen. Um 8 Uhr abends feuerten die Panzergeschütze nochmals eine halbe Stunde lang nach Eisenbach zu, dann wurde es endlich ruhig. Die meisten Leute blieben die Nacht wieder in den Kellern. Wir dachten, wie wird es morgen, am Karfreitag werden? Den Gottesdienst hatten wir abgesagt, wegen der Kämpfe. Die Nacht blieb ruhig, und auch am Karfreitag Morgen war alles still. Die amer. Panzer rückten die Hessenstraße hinauf ab nach Haintchen. Gott sei Dank, die deutschen SS= Truppen hatten den zwecklosen Kampf aufgegeben und sich über den Häuser Hof nach Rod a. d. Weil zurückgezogen. Die Front war an uns vorbei.
Unser Dorf stand noch. Nur einige Häuser waren etwas beschädigt, ...
zerschlagen, etliche Fensterscheiden zertrümmert.


Karfreitag, 30. März 1945

Am Karfreitag konnten wir wieder in aller Ruhe Gottesdienst halten, und an Ostern hielten wir das Hochamt als Dankgottesdienst für die Erhaltung unsres Dorfes bei den Kämpfen am Gründonnerstag. In einem Gefühl der Erleichterung, wenn auch von andererlei Sorgen um die Zukunft unsres Volkes und unsrer Soldaten beschwert, ertrugen wir gerne die paar Unannehmlichkeiten der Besatzung.

 

Quelle:
Kreisheimatstelle des Landkreises Limburg-Weilburg (Hg.)
"Eigentlich ist kaum Zeit zum Schreiben ..", Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen von Zeitzeugen an das Kriegsende 1945 im Landkreis Limburg-Weilburg, Limburg 2005